Elektrischer Schwingkreis 5 (Extra-Kapitel)

 

Gedämpfter elektrischer Schwingkreis

 

Vorbemerkungen

 

In den bisherigen Kapiteln haben wir uns vor allem um einen Schwing-

kreis ohne Ohmschen Widerstand gekümmert, also eine ungedämpfte

elektrische Schwingung. Dies ist natürlich nicht der Normalfall, aber

eben deutlich einfacher mathematisch zu behandeln. Im Folgenden

wird es nun um den realen Fall der gedämpften Schwingung gehen.

Da die Spule im Stromkreis immer einen Ohmschen Widerstand R

aufweist, liegt dieser Zustand eigentlich immer vor.

Aus mathematischer Sicht ist dieser Fall aber deutlich komplexer und

somit nur Zusatzstoff für die Physik in der Oberstufe.

 

Experiment

Schauen wir uns noch einmal reale Versuchsergebnisse zum Schwing-

kreis an.

Bemerkung: Man sieht, dass die beiden Zeiger für Stromstärke und

Spannung zunächst große Ausschläge anzeigen, die dann immer

kleiner werden bis es keinen Ausschlag mehr gibt.

(Hinweis: der Nullpunkt des Amperemeters liegt bei 5 mA in der Mitte, der Lehrer hatte wohl

kein Amperemeter mit einer mittigen Nullstellung).

Schlussfolgerung: Zunächst liegen große Werte für Stromstärke und

Spannung vor, die dann immer kleiner werden bis beide Werte Null

anzeigen.

Dies ist der typische Verlauf einer gedämpften Schwingung. Ein

großer Teil der von außen zugeführten Energie geht für den Schwin-

gungsvorgang am Ohmschen Widerstand als Wärme verloren.

 

Das folgende Video zeigt einmal den zeitlichen graphischen Verlauf

einer solchen Schwingung.

Bemerkung: Hier sieht man eine geringe Dämpfung. Es liegt ein

periodischer Vorgang (Kosinus-Funktion) vor, wobei die Amplituden

des Ausschlags immer geringer werden.

(Hinweis: bei H. Butsch sieht es nach einer Sinus-Funktion aus, weil er indirekt die Stromstärke I(t) = Q`(t) misst)

Welche Funktion bestimmt nun den Abfall der Amplitude?

Hierzu hat Thorsten Butsch sein Diagramm im Anhang zur Verfügung

gestellt.

Im Folgenden sieht man eine Kopie:

Vermutung: Es dürfte sich um einen exponentiellen Abfall handeln.

Um dies zu kontrollieren, werten wir einmal die Messwerte aus.

Wir beginnen bei der ersten Amplitude, dann weiter mit der zweiten

Amplitude usw. Die Amplituden haben alle denselben Abstand von-

einander (ca. 1 cm)

Es ergibt sich für die Höhe der Amplituden in cm:

6,35 cm, 5,25 cm, 4,35 cm, 3,6 cm, 3,0 cm, 2,4 cm, 2,0 cm, 1,6 cm,

1,35 cm.

Sollte es sich um eine exponentielle Abnahme handeln, müsste der

Faktor zwischen benachbarten Werten in etwa gleich groß sein. Dies

zeichnet eine Exponentialfunktion aus.

Es ergeben sich folgende Faktoren: 0,83; 0,83; 0,83; 0,83; 0,80; 0,83;

0,80; 0,84

Das Ergebnis passt also sehr gut zu einer Exponentialfunktion.

 

Funktionsgleichung und DGL

Es macht also Sinn für die Funktion, die den Verlauf beschreibt, einen

Ansatz von der Form

 

  Q(t) = Q0 ∙ e− δ ∙ t ∙ cos (ω∙t)  

                          mit Q0 = Startamplitude; δ = Dämpfungskonstante,

                                ω = Winkelfrequenz = 2 ∙ π ∙ f ; f = Frequenz

zu machen.

cos (ωt)“ gibt also den periodischen Verlauf wieder und „e−δ∙t die

exponentielle Abnahme von Q0 (Anfangsamplitude).

In der Messung ist normalerweise UC(t) abgebildet oder wie bei

T. Butsch I(t).

Die Differentialgleichung wird aber im Folgenden mit Q(t) aufgestellt

und zwischen Q(t) und UC(t) besteht ja der einfache Zusammenhang

Q(t) = C ∙ Uc(t), so dass man diese Gleichung anstelle von Uc(t)

wählen kann.

Um den Ansatz zu kontrollieren, muss er die zugehörige Differential-

gleichung erfüllen. Wir werden also zunächst die DGL herzuleiten.

Dazu schauen wir uns noch einmal den Aufbau eines Schwingkreises

an.

Der Schwingkreis ist der obere Stromkreis dieser Abbildung. Der

untere Teil dient nur zum Aufladen des Kondensators. Wenn der

Schalter nach oben zeigt, beginnt die Schwingung im oberen Strom-

kreis.

Herleitung der DGL:

 

Die allgemeine Lösung dieser DGL kann man in einschlägigen

Büchern zu Differentialgleichungen nachlesen. Es geht darum die

Nullstellen eines charakteristischen Polynoms zu finden. Dies führt

aber weit über den Stoff der Oberstufenphysik (selbst eines LKs)

hinaus.

Wir werden jetzt nur durch Einsetzen unserer vermuteten Lösung

zeigen, dass die DGL damit gelöst wird.

 

 

Zusammenfassung

 

     Für eine leicht gedämpfte Schwingung gilt für die

                              Ladungsmenge Q(t)

 

mit

                                 und  

  R = Ohmscher Widerstand

   C = Kapazität

   L = Induktivität

   Q(t=0s) = Qmax = Q0

 

 

Wir kontrollieren unsere Ergebnisse einmal am obigen Beispiel von

Herrn Butsch.

1. Frequenz:

Das Diagramm ergibt eine Frequenz von ca. 1 Hz

(1 cm ≡ 0,5 s; im Diagramm beträgt eine Schwingung ziemlich genau 2 cm, also T = 1 s,

was f = 1/T = 1 Hz entspricht)

Rechnung:

2. Dämpfungsfaktor:

Aus den Messwerten (s.o.) ergibt sich für t = 0,5 s in etwa ein

Dämpfungsfaktor q = e−δ∙t = 0,83

Rechnung:

Gründe: Es muss irgendwo weitere Verluste geben, z.B. magnetische

Verluste oder versteckte Ohmsche Widerstände oder zu hohe Träg-

heit des XY-Schreibers. Dies müsste noch einmal genauer untersucht

werden.

 

Diagramm der geringen Dämpfung (Werte von T. Butsch):

 

Extremfälle (Kriechfall, Aperiodischer Grenzfall)

 

Wir werden für diese beiden Extremfälle nur die Ergebnisse angeben.

Genaueres erfährt man in einschlägiger Literatur zur Lösung von

Differentialgleichungen.

 

1. Aperiodischer Grenzfall

Bisher (beim leicht gedämpften Schwingfall) galt ω > 0, d.h. δ2 < 1/CL

Im aperiodischen gilt  δ2 = 1/CL, somit wird ω = 0 Hz. Es kann also

kein periodischer Vorgang mehr vorliegen.

In diesem Fall gilt für die Lösung der DGL:

 

Diagramm (Werte von T. Butsch mit R = 7938 Ω)

 

2. Kriechfall

In diesem Fall der extremen Dämpfung gilt δ2 > 1/CL, also die Wurzel

beim leicht gedämpften Fall für ω wäre negativ.

Dann gilt:

 

Diagramm des Kriechfalls (Werte von T. Butsch mit R = 10 000Ω)

 

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